Über die irrationale Bourgeoisie und die Aussichten einer proletarischen Bewegung im Kern

Es ist definitiv nicht im langfristigen Interesse der europäischen Bourgeoisie, ihrer Arbeiteraristokratie den Hahn an gestohlenem Wert zuzudrehen, wie sie es in Österreich am Beispiel des 12-Stunden-Tages bereits durchsetzte. Sie riskiert die erneute Entladung von Klassenwidersprüchen, Klassenkampf, in ihrer unmittelbaren Umgebung – ein Umstand, den sie in der Entwicklung der parasitären Gesellschaften des imperialen Kerns durchaus oft als solchen verstanden hatte und die Bildung der sozioimperialistischen Sozialpartnerschaft akzeptierte. Dies bedeutete freilich die Abzweigung eines gewissen Teiles ihrer Profite, doch ist dies kein einseitiger Tausch: Im Gegenzug bekam die Bourgeoisie des Kerns sozialen Frieden; der Klassenkampf wurde über die Grenzen ihrer Gefilde hinweg ausgelagert. Genau aus diesem Grund ist es aber nun aus marxistischer ökonomischer Perspektive verwunderlich, warum sie jetzt gierig werden sollte. Es ist immerhin auch nicht so, als ob die Auslagerung des Klassenkampfes „ins Ausland“ ewig funktionieren könnte – das wissen sogar die irrationalsten Teile der Bourgeoisie. Und dennoch tut man es. Man will das Wiederaufflammen der Klassenwidersprüche im Kern riskieren, weil man sich doch noch des Bisschens an Schmiergeldern gegenüber der Arbeiteraristokratie ergötzen will.

Trotz der Lage des primären Klassenwiderspruches zwischen den Welten – zwischen der Ersten Welt und der Dritten Welt, also zwischen dem imperialen Kern und der Peripherie – ist natürlich der Kampf nicht-primärer Widersprüche nicht auszulassen. Unter anderem sehen wir diesen parallelen Kampf in den Bewegungen der Frauen oder anderer unterdrückten Geschlechter sowie im Kampf Nicht-Weißer gegen den Rassismus. Es ist zwar in der Widerspruchshierarchie immer der primäre Widerspruch, aus dem sich alle anderen ableiten und von dessen Schicksal alle anderen abhängen, doch können sich natürlich durch besondere Entwicklungen auch nicht-primäre Widersprüche durch revolutionäre Bewegungen ausnutzen lassen, um die Lösung eines primären Widerspruches voranzutreiben. Genau vor einer solchen Situation stehen wir nämlich heute in Europa und speziell in Österreich. Historisch gesehen ist dies bei weitem nicht die erste solcher Situationen. Vielmehr stand aller Kampf proletarischer Interessen bereits seit Zeiten Marx‘ und Engels‘ bereits in der Tradition solcher nicht-primären Kämpfe, aber waren primärer, imperialistischer Widerspruch und sekundärer, nationaler Klassenwiderspruch noch äußerst eng beieinander. Erst die sozialen Kämpfe der Arbeiterklasse im Kern seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, die erkämpften Verbesserungen ihrer Lebensstandards, ihre höheren Löhne etc. führten zur allmählichen Vergrößerung der "Distanz" zwischen primärem und sekundärem Widerspruch. Diese Distanz ist es, die die Aussichten auf ein "produktives Überschwappen" von Aktionen der sekundären Ebene auf die primäre Ebene beschreibt. Auch sei gesagt, dass es nicht der Arbeiterkampf im Kern an sich ist, der diese Distanz vergrößert; stattdessen liegt die Quelle dieser Distanzvergrößerung in den Entscheidungen der Bourgeoisie.

Der Arbeiterkampf im Kapitalismus ist stets ein Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeitskraft durch Mehrwertextraktion. Das Ziel der Bourgeoisie ist eine Maximierung ihrer Profite, also der Mehrwertextraktion, während das Ziel der Arbeiter natürlich nur gegensätzlich eine Minimierung bzw. die Abschaffung dieser Mehrwertextraktion ist. In einer Gesellschaft, in der kein Wert die Grenzen jener Gesellschaft übertritt - also aller Wert, der im Land geschöpft wird, darin verbleibt und schlussendlich versickert - und auch kein anderswo, außerhalb der Gesellschaft geschöpfter Wert, in diesem Land verwertet wird, führt der Arbeiterkampf schlussendlich zur Expropriation und Abschaffung der Bourgeoisie, was gleichfalls zur Abschaffung des Proletariats führt und damit in einer kommunistischen Gesellschaft enden wird. Doch, die Geschichte Europas und Nordamerikas in isolierter Betrachtung ist anderer Natur. Sie profitierten während des Überganges vom Feudalismus in den Kapitalismus bereits lange von der Ausbeutung ihrer Kolonien, die einseitig Wert in den Kern verschiffte, was natürlich zu einem Wertsurplus führen muss. Als die Arbeiter des Kerns begannen, für mehr als ihre Subsistenzlöhne einzustehen und den Widerspruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat auflodern ließen, stand die Bourgeoisie vor einer Entscheidung. In jedem Fall muss den Arbeitern mehr Wert zukommen – die Höhe dieses Werts ist abhängig von der Natur des Klassenkampfes. Doch, wo nimmt die Bourgeoisie diesen Wert her? Aus dem Wertsurplus, der durch die Ausbeutung der Kolonien entstanden ist.

Für die Bourgeoisie macht dies keinen großen Unterschied – unter'm Strich wird sich auf ihrer Kostenrechnung die Zahl nicht ändern, also die Höhe des verlorenen Profits verändert sich nicht. Doch, sehr wohl macht die regelmäßige Praxis davon einen Unterschied. Es kommen Forderungen nach Lohnerhöhungen, nach der Wohlfahrt, nach Pensionssystemen und nach Arbeitslosengeld. Alle diese Verbesserungen des Lebensstandards im imperialen Kern – ein Standard den es so auch nur dort gibt – sind ein Resultat des dortigen Arbeiterkampfes, doch ist deren ertragreicher und erfolgreicher Ausgang wiederum Resultat der höheren Liquidität der Bourgeoisie. Die Bourgeoisie verhielt sich diesen Forderungen gegenüber, wie wir heute wissen, ins späte 20. Jahrhundert hinein zunehmend kulanter. Natürlich waren dadurch die Profitraten der Bourgeoisie geschmälert worden, doch im Nachhinein waren diese Verschmälerungen zu verkraften, besonders, da man sich nun immer weniger Sorgen um soziales Chaos machen musste – und dabei war man trotzdem noch stinkreich! Wirklich offensichtlich wurde diese Entwicklung – besonders diese Partnerschaft, aus internationaler Perspektive, zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie – erst in den 1920ern und 1930ern. Die Arbeiterschaft wurde nun vollkommen ihres Internationalismus beraubt; sie wurde Teil ihres Nationalstaates, welcher wiederum für ihr Wohlergehen zu Sorgen hatte. Die ökonomisch-politische Mitentwicklung davon war der Korporatismus bzw. in „freundlicheren“ Termini, die Sozialpartnerschaft.

Was ist aber nun konkret der vorhin erwähnte Zwischenschritt in der Kausalkette?

Es ist das Interesse einer rationalen Bourgeoisie, den lokalen Klassenkampf abzumildern und dabei ihre Entscheidung, den Wertsurplus aus den Kolonien auf ihre eigene Arbeiterklasse aufzuwenden. Wie bereits erwähnt war diese Handlungsweise anfangs noch auf einfache Zahlungen begrenzt – man zahlte einfach mehr Lohn, da man sich mit dem Wertsurplus als Bourgeois auch mehr leisten konnte. Doch entwickelte sich genau das immer weiter in ein integrales Teil des kapitalistischen Systems im Kern. Der Wertsurplus wurde durch, unter anderem, Löhne, Sozialsysteme oder auch Pensionssysteme institutionalisiert und zum absoluten Standard. Demnach ist die Zwischenstufe der Kausalkette die, in ihrem Interesse rationale, Entscheidung der Bourgeoisie, die Profite der Ausbeutung in Übersee zu verwenden, um den Klassenkampf zuhause aufzuheben und den für die Bourgeoisie so wichtigen sozialen Frieden aufrechtzuerhalten.

Doch dies hat die Bourgeoisie als Folge der Ereignisse der letzten Jahre völlig vergessen. Sie wurde einmal mehr gierig und geht nun sogar so weit, den sozialen Frieden, den sie durch die Ausbeutung der Peripherie sicherte, aufzuopfern, nur um noch mehr Profite einstreichen zu können.

Für uns Kommunisten, absolut konsequente Internationalisten, ist das ein wichtiger Moment.

Mit einer rationalen Bourgeoisie war und wäre unsere Arbeit maßgeblich erschwert. Alle Massenpolitik müsste auf sozioimperialistischer Politik aufbauen. Es wäre unmöglich unter parasitären Arbeitern tatsächlich revolutionäre Agitation durchzuführen – ihre kurzfristigen Interessen entsprechen einer solchen Zukunft einfach nicht, sie würden dem Sozioimperialismus gehören. All diesen Problemen standen frühere, tatsächlich revolutionäre kommunistische Organisationen auch gegenüber. Als Konsequenz versuchte man nicht länger, in der breiten Masse nach billigen, kleinen und temporären Erfolgen zu fischen, sondern man verstand sich darauf, soweit es geht, den Wertfluss zwischen Erster und Dritter Welt umzukehren oder zumindest, nationale Befreiungsbewegungen in der Peripherie in jeglicher Form zu unterstützen.

Diese Taktiken sind auch in einer von einer irrationalen Bourgeoisie geführten Gesellschaft noch immer von großer Wichtigkeit, doch können wir in einer solchen zusätzlich auf der Welle des Klassenkampfes des sekundären Widerspruchs reiten. Hierbei ist unsere Aufgabe, revolutionäre Agitation in Zeiten der Empörung über 12-Stunden-Tage und ähnlichen Einschnitten durch Arbeiter im Kern und die Ausbeutung von allen Migranten, die sich im Kern aufhalten mit kommunistischem und antiimperialistischem Kampf zu vereinen, um so eine breite revolutionäre Bewegung aufbauen zu können. Für Kommunisten, revolutionäre und konsequente Internationalisten, ist für eine solche Arbeit jetzt die Zeit gekommen. Wir müssen es verstehen, diese Chance zu nutzen, indem wir die alten, dogmatischen Klassenanalysen über Bord werfen und unsere Aktionen einer neuen, globalen Klassenanalyse unterordnen.

In Österreich, aber auch in Deutschland, der Schweiz und überhaupt in Europa, muss es unsere Aufgabe sein, diese temporären Möglichkeiten sozialer Unruhe für unsere Agitation und unsere Propaganda zu nutzen, die Menschen, die sich nicht bereits den Machenschaften der globalen Bourgeoisie verschrieben haben, wachzurütteln, und darauf eine breite revolutionäre, kommunistische, internationalistische Bewegung etablieren zu versuchen, um sie mit den Interessen der international Ausgebeuteten und Vetriebenen in Einklang zu bringen.