Über die europäische Arbeiteraristokratie

Im Einklang mit dem Schwesterartikel meiner Genossin über die Natur und Entwicklung der Arbeiteraristokratie speziell in den Vereinigten Staaten, beschreibt dieser Artikel die Natur und Entwicklung der gesamteuropäischen Arbeiteraristokratie, mit besonderer Heraushebung des imperialistischen Projektes der Europäischen Union, als auch Einzelheiten maßgeblicher Nationen jener heute und damals.

Den Pulvergewittern und Klassenkämpfen des Kapitalismus des imperialistischen Kerns des späten 19. Jahrhunderts entstammend, hat sich die Arbeiteraristokratie heute als die absolut maßgebende Variable der kontemporären Klassenanalyse entpuppt. Sie ist das Um und Auf einer jeden ernstzunehmenden, zukunftsweisenden Studie der Klassengegebenheiten unserer heutigen Welt. In ihrer schleichenden und paradigmenwandelnden Entwicklung hat sie es vollbracht, die überwiegende Mehrheit marxistischer Ökonomen und Aktivisten vollkommen zu überlisten. Wenngleich aus den klassischen Werken Marxens und Engels‘ den aufmerksameren Lesern bekannt, hat die heutige Arbeiteraristokratie eine weitaus extremere und einschlagendere Rolle inne. Aus der ursprünglich gewerkschaftlich-elitären Clique, welche man speziell in den Trade-Unions Großbritanniens der viktorianischen Ära bestaunen konnte, bildete sich nun in den letzten Jahrzehnten, diesem Prozess beinahe alle Beachtung ausbleibend, der Länder übergreifende, in seiner ganzen makabren Pracht basispopuläre Parasit heraus, den wir heute vor uns haben. Und trotz seiner Maßstäbe setzenden Größe, ist seine Existenz und seine Natur, wie die jeder Grauen Eminenz, kaum einem ein Begriff – und denjenigen im imperialistischen Kern, die von seinen Eigenschaften Kenntnis besitzen, ist er womöglich der bislang größte Dorn im Auge ihrer gesamten politischen Arbeit.

„[D]iese bürgerlichste aller Nationen [will] es schließlich dahin bringen … eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewissermaßen gerechtfertigt.“ [1]

Engels beschreibt unter anderem in diesem Brief an Marx, bereits vom Oktober 1858, die keimende Arbeiteraristokratie als Produkt der kolonialistischen Entwicklungen des englischen Imperiums; der Umstand, dass unglaubliche Mengen an Rohstoffen, welche aus den Kolonien, der Peripherie, in den Kern verschifft wurden, ermöglichte es der Bourgeoisie, dem englischen Proletariat, insbesondere ihrer gewerkschaftlichen Führung, die ersten Schimmer eines neuen ökonomischen Paradigmas, eines neuen ökonomischen status quo, zu präsentieren, in welchem die nationalen Klassenkämpfe dahingefegt werden können, indem man ihre Quelle, ihre Wurzel, dem alltäglichen Leben entreißt: die nationalen Klassenwidersprüche. Dies war nun die Geburtsstunde dieses ökonomischen Schemen, welcher die Entwicklung des Marxismus bis heute begleitet und seit jeher immer zunehmend an Wichtigkeit gewann.

Es ist aber in jedem Falle klar, dass sich das Phänomen der Arbeiteraristokratie heute nicht nur auf eine gewerkschaftliche Elite beschränkt; dass sich also die Form der Arbeiteraristokratie seit jeher geändert hat. So bestimmt sie heute die Art und Weise des Klassenkampfes auf der ganzen Welt, ist sein primärer Steuermann, nicht nur ein interessantes Randphänomen. Und dennoch zieht sich ein überraschend dicker roter Faden durch die Entwicklung der „originalen“ Arbeiteraristokratie bis hin zur heutigen Arbeiteraristokratie, welcher auch den Grund darstellt, warum die heutige Arbeiteraristokratie eben diesen Namen trägt.

Die Entwicklung der modernen europäischen Arbeiteraristokratie fußt, wie es vermutlich bereits leicht zu erkennen ist, bei der originalen Arbeiteraristokratie in England, womit sich auch ihre Zurückdatierung, etwas anders als in den Vereinigten Staaten, fließend zu jener in England darstellen lässt. Die originale englische Arbeiteraristokratie gründete sich primär auf einem Überschuss an aus den Kolonien gestohlener Rohstoffe, also konstantem Kapital – ein Fluss an Kapital, welcher auch noch bis hinein in den Zweiten Weltkrieg sein Unwesen trieb, ja in diesem sogar eine leichte Renaissance durchlebte. Genau in dieser Zeit lässt sich auch langsam aber sicher ein gewisser Bruchpunkt zwischen originaler Arbeiteraristokratie und moderner Arbeiteraristokratie ausmachen. Arbeiter des imperialistischen Kerns fanden schon seit Ende des Ersten Weltkriegs immer einfachere Wege, den Wert ihrer geleisteten Mehrarbeit konzessionsweise von der Bourgeoisie zurückzufordern. Diese Forderungen wurden auch nur dadurch in ihrem Ausmaß ermöglicht, da das extrahierte Kapital aus der imperialistischen Peripherie, wie bereits erwähnt, die Möglichkeit der Bourgeoisie Konzessionen zu stellen, ohne ihren Lebensstandard nennenswert zu verschlechtern, wesentlich erleichterte. Der zweite teils inter-imperialistische Krieg, der Zweite Weltkrieg, stellte „zwischendurch“ die bisherige Verteilungspolitik ihrer imperialistischen spoils in Frage, wenngleich die Bestechung der Arbeiterklasse hier noch bei weitem nicht den Level der 80er erreichte. Es war im nicht-sozialistischen Europa dann, durch das Ende des Krieges, trotz ähnlicher Gründe, etwas später als in den Vereinigten Staaten, in den 1950er Jahren soweit, dass die Formierung eines europäischen imperialistischen Wirtschaftsstandards begonnen hatte, mit welcher die Auslagerung der Warenproduktion in die imperialistische Peripherie ihren Anfang nahm.

Parallel zur Bekenntnis der europäischen Staaten zum Imperialismus rückten die Arbeiterparteien dieser Staaten mehr und mehr von ihrer ursprünglich zumindest sozialdemokratischen Überzeugung ab und es kam zur Bildung einer Arbeiterbürokratie der Gewerkschaften und Arbeiterparteien, welche sich in vielerlei Arten darstellte. Unter anderem sind auch die Existenzen sogenannter Sozialpartnerschaften, welche sich in einigen nicht-sozialistischen Staaten bildeten, allen voran Österreich, eine Art, oder aber auch, und dabei noch wichtiger, die Veränderungen der Parteiprogramme und -arbeitsweisen der westeuropäischen Arbeiterparteien und Gewerkschaften, wie man es zum Beispiel im Godesberger Programm der SPD von 1959 sehen kann. Diese Arbeiterbürokratie war das ultimative Werkzeug zur Aufrechterhaltung des inneren Friedens in Westeuropa, indem die Interessen der Arbeiter und des Großbürgertums so ausbalanciert werden konnten, dass die Anzahl und Kraft von Arbeiteraufständen drastisch und letztendlich fatal minimiert wurden. Diese Balance ist aber selbstverständlich nur durch die erstohlenen Mittel der imperialistischen Staaten möglich und markiert dabei die Sekundarisierung des Widerspruches zwischen Bourgeoisie und Proletariat auf nationaler Ebene in Westeuropa.

In den 1950ern hatten auch einige europäische Länder immer noch ihr Kolonialreich, was heute oft vergessen wird. Der Algerienkrieg, mit der Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich in 1962 endend, war hierbei vermutlich das eindeutigste Beispiel in der unmittelbaren Nähe Europas selbst. Jedoch war in den weiter entfernten Kolonien die Situation noch klarer, unter anderem im Vietnamkrieg, oder dem „Afrikanischen Jahr“ 1960, in welchem 18 Kolonien Frankreichs, Großbritanniens, Belgiens und Italiens – in dieser Reihenfolge: Kamerun, Togo, Madagaskar, (Britisch-) Somaliland, die D.R. Kongo, (Italienisch-) Somaliland, die Republik Dahomey, Niger, Obervolta, die Elfenbeinküste, der Tschad, die Zentralafrikanische Republik., die Republik Kongo, Gabun, Senegal, Mali, Nigeria und Mauretanien – ihre Unabhängigkeit von den europäischen Kolonialmächten erkämpften. Diese Entwicklungen waren eine der nennenswerten Knackpunkte im Wandel kolonialistischer Wirtschaftspolitik zur neo-kolonialistischen und imperialistischen Wirtschaftspolitik. Ein Wandel von der primären Exploitation von Rohstoffen, hin zur im globalisierten Kapitalismus wahnsinnig leicht zu rechtfertigenden Exploitation der Arbeitskräfte in der imperialistischen Peripherie selbst, auf Basis des „Freien Marktes“.

In jedem Falle führte die Kanonisierung des Klassenkampfes, Hand in Hand mit seiner allmählichen Ausschaltung durch bourgeoise Konzessionen, zur immer schneller und wichtiger werdenden Bildung der heute so ausschlaggebenden Konsumentenklasse – im Prinzip der Begriff klassischer Ökonomen für die Arbeiteraristokratie. Die Möglichkeiten der mittlerweile ehemaligen Proletarier in Kapital zu investieren und dadurch zu akkumulieren, ihr Leben durch immer öfter verpflichtende Sozialprogramme vollkommen abzusichern (oder allgemein ihre oft weitaus höheren Lohnquoten) basieren in Gänze auf den einseitigen Influx billiger, grundlegend fertig produzierter Waren, und damit Wert, aus der imperialistischen Peripherie.

Mit der Entwicklung der Europäischen Union und als Teil dessen, einer gemeinsamen europäischen Währung, des riesigen Ausbaus des bereits existenten europäischen Binnenmarktes, und auch der Begleiterscheinung dieser Entwicklung, des Schengenraumes, hat sich die Hegemonie der zuvor so heterogenen imperialistischen Kräfte in Europa selbst optimiert. Man ist dem Ziel des imperialistischen Wirtschaftsprojektes der Europäischen Union, der Minimierung der Entfaltung der Klassenwidersprüche im europäischen Wirtschaftsraum, einen gigantischen Schritt nähergekommen.

Und dennoch ist dieser Prozess in seiner Natur instabil. So sieht man in Europa mehr und mehr Widersprüche klaffen und Proteste in den Fernsehern zuhause.

Der irrationalen und imperfekten Führung des Imperialismus fällt es natürlich schwer die Quelle ihrer eigenen Vorteile aus einer marxistischen Perspektive zu sehen, und dennoch ist es nur diese Perspektive, die ihre Irrationalität verhindern könnte. Aber, es ist wiederum keine einschlagende Neuigkeit, dass der Kapitalist in seiner unlimitierten Gier sein eigener Henker wird. Immerhin wird er uns, um frei mit Lenin zu sprechen, früher oder später seinen eigenen Galgen verkaufen. So haben wir in den letzten Jahren eine Periode in dieser enormen Übermacht des imperialistischen Kerns betreten, in der die Bourgeoisie des Kerns aufgrund ihrer Irrationalität die Entfaltung nicht-primärer Klassenwidersprüche in ihrer unmittelbaren Umgebung, im imperialistischen Kern, nicht verhindern zu vermochte. Die Repräsentation der europäischen Arbeiteraristokratie in den politischen Schlachtfeldern von Europa sank immer mehr. Zeitgleich entlud sich der primäre, imperialistische Widerspruch zwischen Kern und Peripherie ein weiteres Mal unter anderem in der Flüchtlingskrise. Diese beiden Variablen führten zu großen Spannungen in der europäischen Bevölkerung und zwischen ihr und der Peripherie. Ersteres führte dabei zu großen Spannungen zwischen der Arbeiteraristokratie und der Bourgeoisie des Kerns, zweiteres wiederum brachte die Arbeiteraristokratie und die Bourgeoisie des Kerns weiter zusammen. In diesem Verhältnis ist die politische Situation des Kerns von diesen beiden Widersprüchen abhängig.

Und, sind diese Spannungen noch so groß, werden sie nie die Größe der Spannungen zwischen Erster und Dritter Welt überragen. Das ist eine widerspruchshierarchische Notwendigkeit. In der Tat liegt alle Energie der wenigen proletarischen Politik, welche sich in unseren Breitengraden noch befindet, rein in dieser Krise der imperialistischen Gesellschaft, welche durch die kurzsichtige und irrationale Politik der neoliberalen Führung ausgelöst wurde. Es ist also dementsprechend fragwürdig, ob sich linke Politik in unserer Gesellschaft nicht nur generell halten könnte, sondern wie diese linke Politik aussehen wird. Wird sie tatsächlich proletarische Positionen vertreten, die in der Lage sind, die imperialistische Vormacht nicht nur in Form der Bourgeoisie innerhalb des Kerns, sondern in ihrer noch wichtigeren Position als internationale Bourgeoisie, zu brechen? Oder wird sie sich doch vollkommen arbeiteraristokratischer Politik verschreiben, die sich in den beinahe strasseristischen Forderungen vieler Parteien, oder im klassischen Faschismus widerspiegelt, und das internationale Proletariat so verraten und an die Bourgeoisie verkaufen, wie es einst die Sozialdemokratie mit dem europäischen Proletariat tat?

Wir hoffen und plädieren für ersteres. Denn, wir wissen, dass arbeiteraristokratische Politik, Politik auf dem Rücken des internationalen Proletariats ist. Sie ist die Politik der wortwörtlichen Möchtegernbourgeois, nicht einer fortschrittlichen Menschheit. Und sie wird, am Ende, auch nicht lange überdauern. Bekanntlich wird sich der Widerspruch zwischen Erster und Dritter Welt nicht für immer verstecken und unterdrücken lassen – und es wird spätestens dieser Punkt sein, wenn dieser primäre Widerspruch alle Geduld verlieren wird und sich mit aller Gewalt entlädt, an welchem sich zeigt, auf welcher Seite ein jeder Mensch steht.


  1. Engels an Marx, 7. Oktober 1858, MEW 29, S. 358. ↩︎