Österreichs Position in der imperialistischen Taxonomie: Ein kurzer Abriss

Die Frage nach der Positionierung einer gegebenen Nation im imperialistischen System ist eine grundlegende Frage der marxistischen Klassenanalyse in diesem, unserem Zeitalter des Imperialismus. Im Detail richtet sich unsere kurze Analyse also nach der Erhebung ihrer Waren- und Dienstleistungsimporte und -exporte, und damit der Verwobenheit der eigenen Warenproduktion und Dienstleistungen mit ausländischem Kapital, der organischen Zusammensetzung des (produktiven) Kapitals erster, zweiter und weiterer Stufen der Nation, als auch speziell nach den Sektoren der Beschäftigung und deren Ertrag. Hinzu kommt bei der Analyse einer Nation, welche unumstritten Teil des imperialistischen Kerns und dessen Wirtschaftsraumes ist, auch ein besonderer Fokus der Begutachtung des objektiven Klassencharakters der nationalen Arbeiterklasse – also, kurz, ihrer Rolle innerhalb der nationalen Wirtschaft, ihrer Wertkonsumtion und ihrer Wertproduktion.

Diese Arbeit sucht die Rolle Österreichs und der österreichischen Wirtschaft innerhalb des imperialistischen Kerns – also des Wirtschaftsraumes der Ersten Welt als Ganzes – kurz aufzuklären. Es soll über die Erhebung des gesamten Wertzuflusses und Wertabflusses der österreichischen Bevölkerung, mit spezifischer Unterscheidung staatlicher und privater Wertflüsse und deren Verhältnis, und schrittweise konkreterer Zahlen ein Gesamtbild der österreichischen Wirtschaft in Relation zur Weltwirtschaft gemalt werden. Mit diesem Gesamtbild ist nun auch eine fundierte Einordnung der österreichischen Arbeiterschaft in die Wirtschaftsordnung des Imperialismus möglich – und damit speziell eine Feststellung der bereits genannten objektiven Klasseninteressen dieser.

Die hier präsentierten Daten sind allesamt aus Handelsberichten und Budgetberichten (= Berichten des Gesamtstaatsetats) entnommen; Genauere Quellenangaben sind, wie üblich, im Literaturverzeichnis zu finden.

ZUR ÖSTERREICHISCHEN WIRTSCHAFT IN IHREN EINZELHEITEN


HANDEL


Die österreichische Wirtschaft ist bereits seit geraumer Zeit eine etablierte Exportwirtschaft, auch mit dem politisch-ökonomischen Ziel eine solche zu bleiben. Ihr durchschnittliches Handelsvolumen pro Jahr (Importsummen + Exportsummen) berechnet aus den Jahren 2001, 2004, 2005, 2008, 2009, 2014, 2015 und 2016, beträgt etwa € 217,9 Mrd. Die Erträge aller Importwaren machen hierbei 50,6% aus (€ 110,3 Mrd.), die Erträge aller Exportwaren dementsprechend 49,4% (€ 107,6 Mrd.).

Ihr mit Abstand größter Handelspartner ist die Bundesrepublik Deutschland bei einem Gesamthandelsanteil von durchschnittlich mehr als 33% im Jahr 2016, was einem Handelsvolumen von durchschnittlich € 90,4 Mrd. entspricht. Damit hat sich der Anteil des Handels mit der BRD am Gesamthandel Österreichs im Vergleich zu 2001 um etwa 3% verringert; jener lag nämlich zu diesem Jahr noch bei 36,4%. Gleichzeitig macht der gesamte Handelsanteil mit der EU im Jahr 2016 70,4% aus, in absoluten Zahlen entspricht das wiederum € 188,1 Mrd. Es ist somit klar, dass die österreichische Wirtschaft als Teil der Europäischen Union auch vollkommen integriert in den europäischen Imperialismus sein muss und hierbei gleichzeitig eine enge Bindung an die deutsche Wirtschaft pflegt. Diese Bindung hat sich auch schon vor Beitritt zur EU gefestigt, was sich nicht nur durch bloße Handelszahlen zeigt, sondern auch beispielsweise durch die inoffizielle Koppelung des Österreichischen Schillings an die D-Mark im Jahr 1976. Aus diesen Daten lässt sich schließen, dass die Zweite Republik in ihrer gesamten Existenz eine Zwitterstellung einnahm, was Deutschland betrifft. Einerseits verstand man sich als vollkommen souveräne, eigene Nation, dennoch ist all ihre wirtschaftliche Tätigkeit stark vom Handel mit Deutschland abhängig und verwoben. Die Konsequenz daraus ist, dass bei jeder Klassenanalyse der österreichischen Bevölkerung, die Situation der deutschen Wirtschaft nicht außer Acht zu lassen ist.

Außerdem waren nach Deutschland die stärksten mit Österreich Handel treibenden Nationen aus der EU in 2016, weit abgeschlagen, nach Handelsvolumen: Italien (6,3%, € 16,8 Mrd.), Tschechien (4%, € 10,7 Mrd.) und Frankreich (3,4%, € 9 Mrd.).

PRODUKTION


Österreich ist, wie andere imperialistische Staaten auch, eine grundlegend am tertiären Sektor, also dem Dienstleistungssektor ausgerichtete Gesellschaft. Der tertiäre Sektor ist in der marxistischen Ökonomik ein grundsätzlich unproduktiver Sektor, da er mehr oder minder nur der Verschiebung und Verteilung von Waren dient, nicht ihrer eigentlichen Produktion. Was neoklassische Ökonomen „Post-Industrialisierung“ nennen ist einer der wichtigsten Effekte der ökonomischen Hegemonie der Ersten Welt über die Dritte Welt, also des Kerns über die Peripherie, welche mit ihrem Export von Kapital in letztere, nicht nur eine extreme Anzahl wertschöpfender Arbeit exportierte, sondern auch das verbrauchte variable Kapital in der Dritten Welt durch allgemeinen Zwang (z.B. in Form von Militärmacht, moderner Sklavenarbeit, enorme Reservearmee etc.) künstlich niedrig halten kann. Dies ist einer der Gründe für den allgemeinen Widerspruch zwischen der durchschnittlichen Exploitationsrate der Dritten Welt und der Ersten Welt, welcher in einer „imperialismuslosen“ Welt nicht existieren könnte.

Zusammengesetzt sind die Wirtschaftssektoren in Österreich im Jahr 2015 nach Beschäftigung folgendermaßen:

Sektor Prozentsatz
Primärer Sektor (Landwirtschaft, bedingt produktiv) 4,53%
Sekundärer Sektor (Industrie, bedingt produktiv) 25,74%
Tertiärer Sektor (Dienstleistungen, unproduktiv) 69,7%

In genauerer Betrachtung teilen sich jene Bereiche auf in:

Wirtschaftsbereich (nach ÖNACE) Prozentsatz
Land- u. Forstwirtschaft, Jagd 0,61%
Bergbau und Gewinnung von Steinen und Erden 0,16%
Sachgütererzeugung 16,64%
Energie und Wasserversorgung 1,21%
Bauwesen 7,05%
Handel, Reparatur von Kfz u. Gebrauchsgütern 15,16%
Beherbergungs- u. Gaststättenwesen 5,65%
Verkehr und Nachrichtenübermittlung 5,24%
Kredit- und Versicherungswesen 3,31%
Realitätenwesen, Unternehmensdienstleistungen 5,74%
Öffentliche Verwaltung, Landesverteidigung, Sozialversicherung 15,59%
Unterrichtswesen 5,27%
Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen 6,86%
Erbringung sonstiger Dienstleistungen 8,91%
Private Haushalte 0,08%
Exterritoriale Organisationen und Körperschaften 0,02%
Präsenzdiener 0,18%
Karenzgeldbezieher 2,33%
Total 100%

Unsere fünf größten Beschäftigungswerte sehen wir somit in der Sachgütererzeugung (2. Sektor), der öffentlichen Verwaltung etc. (3. Sektor), dem Handel etc. (überwiegend 3. Sektor), sonstigen Dienstleistungen (3. Sektor) und dem Bauwesen (überwiegend 2. Sektor).

BESCHÄFTIGUNG


In den oben dargestellten Tabellen sehen wir, dass nur beinahe 30% der österreichischen Bevölkerung zu einem gegebenen Zeitpunkt zumindest bedingt produktiv arbeitet. Bedingt produktiv bedeutet hier, dass die tatsächliche Produktivität aufgrund der Natur dieser Statistiken nicht näher beleuchtet werden kann. Die Quelle der unklaren Situation der Produktivität im industriellen Sektor liegt im ungleichen Tausch Österreichs, gegebenenfalls über Proxystaaten, mit den dependenten Staaten der Welt, also den Staaten der Dritten Welt. Durch ungleichen Tausch der imperialistischen Staaten mit diesen dependenten Staaten wird, wie der Name bereits sagt, durch Koerzion Wert extrahiert, welcher den imperialistischen Staaten nun als Surplus zur Verfügung steht – Waren werden billig gekauft und teuer verkauft. Es ist auch wichtig zu bedenken, dass Ware hier auch auf die Arbeitskraft zutrifft. Arbeiter der Peripherie werden systematisch noch weiter unterbezahlt, als dies global durchschnittlich der Fall ist; die Exploitationsrate der Peripherie ist höher als die global durchschnittliche. Eine höhere Exploitationsrate in einem Bereich eines Wirtschaftsraumes kann sich nun in zweierlei Resultaten äußern: Entweder sinkt die Exploitationsrate in dem anderen Bereich des gegebenen Wirtschaftsraumes, oder die Profitrate des gesamten Wirtschaftsraumes steigt.

In unserem Beispiel Österreich, wie auch im Rest der imperialistischen Staaten, ist nun vor allem ersteres der Fall, während die globale Profitrate grundsätzlich stagniert. Durch die massive Erhöhung der Exploitationsraten in der Peripherie kann die Exploitationsrate in der Ersten Welt größtenteils sogar „umgekehrt“ $(s<0,W<v)$ werden. Damit konnte die Bourgeoisie der Ersten Welt zwei wichtige Ziele erreichen: Einerseits die mehrheitliche Ausschaltung primären Klassenkampfes in ihrer unmittelbaren Umgebung (dem imperialistischen Kern), sowie die Beibehaltung ihrer Profitrate.

Alt

bei einer Profitrate $p'_{global}=const.$
$s'_{K_{th}}$ bezeichnet den Exploitationsratenschwellenwert. Unter diesem Schwellenwert ist Überexploitation der Peripherie der Fall, darüber eine hypothetische Überexploitation des Kerns.

$$s'_{P}(s'_{K})=\frac{1}{s'_{K}}$$

wo $ s'_{K}=\frac{m_{K}}{v_{K}} $ die Exploitationsrate des Kerns beschreibt, $s'_{P}=\frac{m_{P}}{v_{P}}$ die Exploitationsrate der Peripherie, $ W_{K}=m_{K}+v_{K} $ der produzierte Gesamtwert des Kerns, $ W_{P}=m_{P}+v_{P} $ der produzierte Gesamtwert der Peripherie, sowie $m$ und $v$ die Mehrarbeit respektive verbrauchtes variables Kapital. (Es sei auch angemerkt, dass die Werte der Achsen des Graphen die Veränderung bzw. die Verhältnisse der Exploitationsraten beschreiben, nicht deren Absolutwerte.) Diese indirekte Proportionalität ergibt sich in unserer Welt dadurch, dass sich $v_{K}$ stetig erhöht, während in der Peripherie $v_{P}$ stark sinkt und $m_{P}$ zeitweise steigt. In der Praxis wird also die Wertkonsumtion ohne dementsprechende Mehrarbeit im Kern durch die gesamte Bevölkerung sichergestellt, indem in der Peripherie durch eine extreme Reservearmee etc. Löhne künstlich niedrig gehalten und der Arbeitstag sogar noch leicht verlängert wird. Da sich das Phänomen $W_{K}<v_{K}$ im Kern findet, muss sich auch eine dementsprechende Situation $W_{P}>v_{P}$ in der Peripherie gegeben sein. (Obige Gleichungen gehen von $c=0$ bzw. $c=const.$ aus, damit sich die Situation klarer darstellen lässt, wobei $c$ das konstante Kapital bezeichnet.)

Die bedingte Produktivität ist also nun bedingt, da es statistisch (basierend auf verfügbaren Statistiken) unklar ist, ob eine „negative“ bzw. "fallende" (<1) oder „positive“ bzw. "steigende" (>1) Exploitationsrate in einem gegebenen Betrieb vorliegt. Für unsere weitere Analyse werden wir jedoch eine negative Exploitationsrate für 70% der 25,74% im industriellen Sektor annehmen. Damit ist der Anteil produktiver Arbeiter an der österreichischen Bevölkerung für unser Beispiel 12,25%.

Die objektiven Klasseninteressen von 88,75% der österreichischen Bevölkerung liegen also bei einer Beibehaltung der Superexploitation der Peripherie, das heißt, sie teilen die Interessen der imperialistischen Staaten, denn ohne sie würden sie ihren Lebensstandard verlieren, während großzügig geschätzt 12,25% ihre objektiven Klasseninteressen tatsächlich im klassischen Klassenkampf finden könnten, wobei auch diese knappen 12% durch die Bestechungsmittel der Bourgeoisie im Zuge des Klassenkampfes in der Ersten Welt ihre Produktivität verlieren werden.

CONCLUSIO


Die imperialistische Integration Österreichs und die Abhängigkeit, innerhalb des imperialistischen Wirtschaftsraumes, von der deutschen Wirtschaft lässt nunmehr keine Zweifel mehr daran, dass ein tatsächlich sozialistischer, nationaler Kampf ohne Zukunft ist. Die objektiven Interessen der österreichischen Bevölkerung bewegen sich in erster Linie mit jenen in Deutschland, in zweiter Linie mit denen der gesamten Bevölkerung der imperialistischen Staaten. Progressive Politik kann sich hierzulande nur darauf besinnen, denen zu dienen, die aus der Peripherie zu uns gekommen sind, sei es um in indirektem Klassenkampf den Zuständen ihrer Heimat zu entfliehen oder in direktem Klassenkampf sich bewusst sind, dass die Unterentwicklung ihrer Heimat auf die Überentwicklung des imperialistischen Kerns beruht.

LITERATUR UND QUELLEN