Die Konsequenz des Widerspruchs

Eine Kritik des Artikels „Bitte keine Verzichtsdebatten“.[1]

Die heutige globale Klassenlage ist eine, die durch den räumlich größten, umfassendsten Klassenwiderspruch unserer bekannten Geschichte gezeichnet ist. In unserem globalisierten Kapitalismus streiten sich primär Konsumierende des imperialistischen Kerns, also des globalen Nordens, der Ersten Welt mit den primär Produzierenden der imperialistischen Peripherie, also des globalen Südens, der Dritten Welt. Dieser Umstand stellt die für unsere Untersuchung absolut grundlegende und unverzichtbare Schlussfolgerung dar: Die Existenz eines primären Widerspruches zwischen Erster und Dritter Welt.

Diese allumfassende ökonomische Situation ist, wie auch im Artikel Deckers richtig erwähnt, seit den 70er Jahren in ihrer aktuellen Form präsent. Sie informiert und durchdringt alle nachgereihten Klassenwidersprüche, unter denen sich auch der klassische, altgediente, nunmehr sekundäre Widerspruch zwischen nationaler Bourgeoisie und nationalem Proletariat befindet. Ein Wertüberfluss im imperialistischen Kern, mit Umkehrwirkung Wertmangel in der Peripherie, zeichnet unseren Alltag, also unsere Produktions- und Lebensweise aus. Der herausstechende Part der allgemeinen Denkweise in unseren Breitengraden ist eine auf Konsum ausgerichtete Denkweise; Arbeit aller Art ist kein tagtäglicher Überlebenskampf für den weißen Durchschnittseuropäer oder -amerikaner, sondern hat sich in ein erstes Mittel eigener Überkonsumtion, und noch viel wichtiger, eigener Akkumulation, gewandelt. Die allgemeine Möglichkeit in der Ersten Welt durch einfache Lohnarbeit mit einem persönlichen Wertüberfluss selbst nennenswert Kapital akkumulieren zu können, ist ein Hauptaspekt dieser neuen Klassenzusammensetzung und teilt uns gleichzeitig mit, welches objektive Bewusstsein die imperialistische Arbeiterschaft besitzt.

Es wird auch zunehmend klarer, dass dieses objektive Bewusstsein für populäre Politik in Europa und in Nordamerika unabdinglich ist. Dass sich speziell die Neue Rechte dessen immer mehr bewusst wird, lässt sich auf die nun schließlich eintretenden Krisen im Kapitalismus zurückführen. Ein solch globaler Widerspruch kann selbstverständlich, wie jeder andere Widerspruch, nicht ohne Krisen existieren und wird zeitlebens solche produzieren – das ist immerhin die gemeingültige Natur eines dialektischen Widerspruchs. Der Fokus auf völkischen Nationalismus stellt hier somit die dialektische Gegenkraft zu nationalen Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt dar; beide sind die nun allmählich voll entwickelten Akteure des (relativ) neuen, primären Widerspruches, in dem wir uns befinden.

OBJEKTIVE UND SUBJEKTIVE KRÄFTE

Weiters, ist die richtige Analyse der dialektischen Wechselwirkung zwischen objektiven und subjektiven Bewusstseine für das Verstehen des politischen Kräftemessens insbesonders heute zwingend erforderlich. Objektive und subjektive Bewusstseine informieren sich, wie alle dialektischen Gegensätze, gegenseitig. Eines kann nicht ohne dem Anderen, eines formt sich selbst mit Einflussnahme des Anderen. Vielerorts wird dieser Tatsache aber ein missverstandener Schluss entnommen: Die Existenz eines quantitativen Gleichgewichts zwischen beiden, also, eine Gleichheit objektiver und subjektiver Bewusstseine in allen Gesichtspunkten. Grundsätzlich sei gesagt, dass ein subjektives Bewusstsein durchaus objektives Bewusstsein formen kann, wie auch ein objektives Bewusstsein subjektive Bewusstseine formen kann. Aber, was ist die Natur dieser Wechselwirkung im Detail und warum existiert eben keine Gleichheit zwischen objektiven und subjektiven Bewusstseine?

Objektive Bewusstseine stellen also hier quasi unsere ökonomische Situation dar – die Umgebung eines Menschen, welche auf ihn einwirkt und seine Interessen nach objektiven Faktoren formen zu sucht. Hinzu kommt nun das subjektive Bewusstsein – also Vorstellungen, die nicht den objektiven Faktoren entspringen, sondern selbst produziert werden und auf sich selbst und auf die Umgebung einwirken. Ein Durchschnittseuropäer mit Bürojob würde als objektives Bewusstsein seinen Lebensstandard besitzen. Hinzu kommen aber eigene, persönliche Wertvorstellungen, welche dem subjektiven Bewusstsein entspringen und in der Praxis oft äußerst komplexen Quellen entspringen. Beide formen im Konflikt miteinander das generelle Verhalten dieses Menschen.

Im Maßstab ganzer Bevölkerungen betrachtet, ist nun das objektive Bewusstsein der Teil, welcher sich normalerweise „durchsetzt“ (d.h. subjektive Bewusstseine sind in ihren elementarsten Faktoren bei einer Mehrheit aller Menschen gleich den objektiven) und damit eine wichtige und verlässliche Quelle politischer Analyse darstellt. Man könnte dieses objektive Bewusstsein auch „Bewusstseinspotential“ nennen, denn das subjektive Bewusstsein bildet als Gegenpol die endgültige politische Natur eines Menschen, oder anders gesagt, sie hat das „letzte Wort“, wenn wir die politischen Ansichten eines Menschen betrachten. Alles in allem können wir also sagen, dass wir im Alltag immer mit subjektiven Bewusstseine konfrontiert werden, also mit dem, was Menschen über ihre politischen Vorstellungen preisgeben und wie sie durch ihren eigenen politischen Input auch eventuell die objektiven Gegebenheiten (und damit die objektiven Bewusstseine) verändern können, während eben diese politischen Vorstellungen (also, das subjektive Bewusstsein) durch objektive Bewusstseine gebildet und informiert werden. Wir sehen also, dass diese dialektische Beziehung in undialektischer Formulierung, wie hier dargelegt, unnötig komplex darzustellen ist.

DER NORDEN LEBT IN DER TAT AUF KOSTEN DES SÜDENS

Die Intention des Autors ist ein Appell an die Linke der Ersten Welt, ihre Position im Herz des Drachen anzuerkennen und eine passive, beinahe sozialdemokratische Politik anzunehmen, welche die globalisierte Ausbeutung lindern möge. Nur kurz im dritten Absatz stellt der Autor die eigentliche Crux seiner Position dar: „Die nationalistische Gegenüberstellung von Innen und Außen moralisch einfach umzudrehen ... ist jedoch ebenfalls verkürzt. Der Kapitalismus ist sowohl durch den strukturellen Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital als auch durch den imperialen Zugriff auf ein »Äußeres« gekennzeichnet. Eine linke Strategie müsste beidem Rechnung tragen bzw. beide Kampffelder organisch miteinander verbinden. Das Konzept der »imperialen Lebensweise« (lies: imperiale Produktions- und Lebensweise) bietet dafür Ansatzpunkte.“

Der Position des Autors mangelt es hierbei an einer Konsequenz zur Durchsetzung dialektischer Gesetzmäßigkeiten. Der primäre Widerspruch zwischen Erster und Dritter Welt wird durch Ignoranz in Praxis verleugnet, oder gar schon von vornherein nicht erkannt. Man sieht, dass ein imperialistischer Gegensatz existiert, aber eine konsequente Einordnung in eine Widerspruchshierarchie lehnt man ab; stattdessen setzt man auf einen parallelen Kampf. Diese Anschauung lässt sich derzeit generell in vielen Teilen der imperialen Linke finden, welche die Existenz dieses neuen primären Widerspruches spüren (bsplw. durch die kürzlichen Rechtsrucke), aber gleichzeitig auch keine eigene kohärente Strategie finden, welche die Ziele der imperialen Linke mit den materiellen Umständen unserer Welt verbinden könnte. Das ist auch nicht weiter überraschend, da die derzeitigen Ziele der imperialen Linke sich in vielerlei Hinsicht bereits im Widerspruch zu den Zielen des globalen Proletariates befinden. Dieser parallele Kampf ist hierbei der natürliche Instinkt einer inkonsequenten Linke, welche zwei widersprüchliche Positionen zu kombinieren sucht – einerseits will sie den Mythos einer ausgebeuteten Arbeiterschaft im imperialistischen Kern aufrechterhalten, andererseits sieht sie die Auswirkungen des imperialistischen Widerspruchs und versucht darauf eine Lösung zu finden. In diesem Treiben lässt sich aber, wie bereits erwähnt, keine Lösung finden, die beide Positionen befriedigen würde. Das fällt auch der imperialen Linke früher oder später auf; zweitere Position wird de facto fallen gelassen und nur noch in der Theorie als bedeutungslose Floskel erwähnt.

Das bedeutungsvollste Kapitel des Artikels ist nun „Es geht nicht um Nord gegen Süd“.

In diesem Kapitel widerholt der Autor seine grundlegende These, dass der primäre, imperialistische Widerspruch kein primärer sei und, dass der Fakt, dass sich Widersprüche, auch wenn sie hierarchisch geordnet sind, gegenseitig durchdringen und im Konflikt gegenseitig informieren, gleichzusetzen sei mit einer, bereits oben erwähnten, absoluten Gleichheit von Widersprüchen. Hier ist auch der Hauptfehler des Autors zu finden. Widersprüche, speziell Klassenwidersprüche, sind hierarchisch geordnet. Sie bedingen sich in verschiedenster Weise gegenseitig in einer Rangfolge; Effekte eines primären Widerspruches wirken sich maßgeblich schon auf die bloße Existenz der nachgereihten, also sekundären, tertiären, ... Widersprüche aus und definieren sie in einer Weise, wie sie nicht nur bloß durch die generelle dialektische Wechselwirkung gegeben ist.

„Im Entwicklungsprozeß eines komplexen Dinges gibt es eine ganze Reihe von Widersprüchen, unter denen stets einer der Hauptwiderspruch ist; seine Existenz und seine Entwicklung bestimmen oder beeinflussen die Existenz und die Entwicklung der anderen Widersprüche. (...) So bilden zum Beispiel in der kapitalistischen Gesellschaft die beiden gegensätzlichen Kräfte, Proletariat und Bourgeoisie, den Hauptwiderspruch. Die anderen Widersprüche wie zum Beispiel der Widerspruch zwischen den Überresten der Feudalklasse und der Bourgeoisie, der Widerspruch zwischen den bäuerlichen Kleineigentümern und der Bourgeoisie, der Widerspruch zwischen dem Proletariat und den bäuerlichen Kleineigentümern, der Widerspruch zwischen der nichtmonopolistischen und der monopolistischen Bourgeoisie, der Widerspruch zwischen der bürgerlichen Demokratie und dem Faschismus der Bourgeoisie, die Widersprüche unter den kapitalistischen Ländern, die Widersprüche zwischen dem Imperialismus und den Kolonien sowie alle übrigen Widersprüche – sie alle werden vom Hauptwiderspruch bestimmt, stehen unter seinem Einfluß.“[2]

Die hierarchische Ordnung von Widersprüchen ist in keinem Falle gleichzusetzen mit der falschen Auffassung, dass nur dem Hauptwiderpsruch (= primäre Widerspruch) zu gegebener Zeit Aufmerksamkeit gebühren würde, sondern nehmen untergeordnete Widersprüche nur eine eben untergeordnete Rolle ein.

Ein noch viel wichtigerer Kritikpunkt an der Position des Autors bezüglich der Hierarchie von Widersprüchen ist, dass untergeordnete nur dann endgültig gelöst werden können, wenn ihr übergeordnete Widerspruch gelöst wurde. Dies ist auch der Kern dritteweltistischer Analyse: Zur Überwindung des globalisierten Kapitalismus, in welchem Kapital und Klasse global interagieren, muss auch die Antwort global sein. Analog zur proletarischen Revolution, welche durch die Erlangung der Staatsmacht die Bourgeoisie unterdrückt, müssen heute auf internationaler Ebene die Völker der Dritten Welt den imperialistischen Staat entmachten. Die Rolle der imperialen Linke lässt sich mit denen progressiver, "proletarischer Bourgeois" (wie man Lenin auch nennen könnte) zu Zeiten der Oktoberrevolution vergleichen. Sie muss hierbei bedingungslose, internationalistische Arbeit zur Erreichung dieses Ziels durchführen, anstatt an opportunistischen, nationalen Siegen zu hängen.


  1. Es wird selbstverständlich empfohlen, den kritisierten Artikel vorher zu lesen. Es ist auch zu beachten, dass dies keine Kritik an der Zeitschrift "Analyse & Kritik" ist. A&K veröffentlicht einige Ausnahmsartikel, welche sich auch oft mit der Sichtweise dieses Artikels überschneiden. ↩︎

  2. Mao, Zedong Ausgewählte Werke: Band 1 Beijing: Verlag für fremdsprachige Literatur Peking, 1968, S. 388 ↩︎