Der Chinesisch-Sowjetische Bruch und seine Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen der DDR und der VR China

Forschungspapierveröffentlichung

Eine Betrachtung der deutsch-chinesischen Beziehungen im Rahmen des chinesisch-sowjetischen Bruchs in den 1950ern und 1960ern sowie die damit verbundene exemplarische Durchsetzung sowjetischer Interessen in den sozialistischen Staaten.


Der chinesisch-sowjetische Konflikt und damit direkt verbundene Konsequenzen sind auch heute noch das Thema wilder Diskussionen und historischer Unklarheiten. Das Ziel dieses Artikels ist es, etwas Einblick in die Zeit rund um die „Kernjahre“ 1958/59 des chinesisch-sowjetischen Bruchs und dessen Auswirkungen auf die bilateralen Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und der DDR zu geben. Die Einflussnahme der „sowjetischen Autorität“ auf den sogenannten Ostblock ist nach heutiger Kenntnis sicherlich nicht zu leugnen und – nach derzeitigem Stand meiner Nachforschungen – findet sich in der veränderten Beziehung zur Volksrepublik China ein relativ klares, gutes Beispiel für die Durchsetzung sowjetischer Interessen in eigentlich souveränen Staaten zur Zeit des Sowjet-Revisionismus.

EINLEITUNG UND AUSGANGSLAGE DEUTSCH-CHINESISCHER BEZIEHUNGEN

Für das weltweite sozialistische Lager waren die letzten Jahre des 5. Dezenniums des 20. Jahrhunderts ein herber Rückschlag. Speziell die letzten beiden Jahre waren der Ausgangspunkt für politische Veränderung, welche rückblickend wohl den letzten Sargnagel der damaligen Bestrebungen in den sozialistischen Ländern eingeschlagen haben.

Ihren direkten Anfang nahmen diese Entwicklung mit dem Tod Stalins und dem darauffolgenden Machtvakuum in der Führungsebene der KPdSU. Das ZK war bestrebt, die nun vakante Position des Generalsekretärs zu füllen; und dafür kam vorerst nur Georgij Malenkow, öffentlich langjährig als zweiter Mann des Staates gehandelt und auch nach Stalins Tod kurzzeitig „Erbe“ dessen Positionen. Malenkow hat sich jedoch aufgrund seiner elitären, teils unpolitischen bzw. pragmatischen und auch verschlossenen Persönlichkeit mehr und mehr vom Politbüro (zu der Zeit „Präsidium“ genannt) abgesetzt und damit den sowjetischen Staats- und Parteiapparat gelähmt. Damit hat sich die Chance für Chruschtschow aufgetan, sich im Parteiapparat zu verwurzeln und seine Position innerhalb des Politbüros zu manifestieren – was im Endeffekt auch zu seiner Auswahl für den Posten des Ersten Sekretärs der KPdSU führte.[1] Chruschtschow wurde im September 1953 offiziell zum Ersten Sekretär gewählt, wobei Malenkow jedoch Ministerpräsident blieb. Diese konfliktreiche Zeit der um die Gunst des Politbüros streitenden hohen Staatsmänner dauerte bis 1955 an, als Malenkow seiner Funktion als Ministerpräsident enthoben und in der mehr oder minder politisch machtlosen Funktion als Minister für Kraftwerke eingesetzt wurde.

Nachdem 1955 Chruschtschow seine Position innerhalb der Staatsführung gefestigt hatte, folgte am XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 der erste, wirkliche Dolchstoß für die sozialistischen Länder der Zeit: Die Geheimrede zur Initiierung der „Entstalinisierung“. Obgleich die Rede geheim gehalten werden sollte, wurde sie an die leitenden Gremien bzw. Staatsoberhäupter in den sozialistischen Ländern gesendet; wobei böse Zungen behaupten, dass der polnische Staats- und Parteichef Boleslaw Bierut beim Lesen einer Kopie der Rede, einen Herzanfall erlitt und, zwei Wochen später, an den Folgen verstarb.

In diesen Jahren waren die Beziehung zwischen den erst vor kurzem gegründeten Staaten – der Volksrepublik China und Deutschen Demokratischen Republik – auf einem, wie sich später herausstellen sollte, historischem Höchststand. Wenngleich die beiden Staaten in den ersten drei Jahren nach ihrer Gründung (jeweils 1949) relativ neutral miteinander interagierten, folgte 1953 eine Intensivierung des Status beider diplomatischer Missionen, was direkt in einer immensen Verbesserung bilateraler Beziehungen mündete.[2]

Im darauffolgenden Jahr, 1954, erhöhte sich die Geschwindigkeit der Verbesserung der Beziehungen noch weiter. Im Juli jenen Jahres besuchte Zhou Enlai, einer der führenden Köpfe innerhalb der KPCh, Ministerpräsident und Außenminister der VR China, die DDR, wo er ein Gespräch mit Otto Grotewohl, zu der Zeit Ministerpräsident der DDR, führte, als auch eine Rede in der Werner-Seelenbinder-Halle hielt. In seiner Rede brachte Zhou Enlai unter anderem die Verbundenheit der Volksrepublik China und der DDR zum Ausdruck, als auch seine Überzeugung, dass die Rolle der DDR innerhalb der sozialistischen Staatengesellschaft eine wichtige sein werde.[3]

In Zhou Enlais Europareise, von dem sein DDR-Besuch Teil war, legte er auch noch Stopps in Genf, Warschau und Ulan Bator ein, jedoch nicht Moskau, was auf eine Anstrengung der VR China schließen lässt, dass sie es sich zum Ziel gemacht hat, Beziehungen zu sozialistischen Staaten ohne Eingreifen Moskaus aufzubauen, da bei diplomatischen Reisen in den relativen Westen Chinas der Stopp Moskau normalerweise nicht ausgelassen wurde.[4]

1955 wiederum wurde bei einem Chinabesuch Grotewohls der „Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik China“ abgeschlossen. Grotewohl sagt über diesen: „Der Vertrag ... stellt ein festes Band dar, das zwischen dem westlichsten und östlichstem Land des mächtigen Lagers der sozialistischen Staaten geknüpft wurde. Damit wurde gleichzeitig die Einheit und Geschlossenheit der sozialistischen Staaten weiter gestärkt und gefestigt.“[5]

DER GROSSE SPRUNG NACH VORN UND DIE VOLKSKOMMUNEN

Mit 1958 wurden wirtschaftliche Maßnahmen getroffen, die die weitere, kontinuierliche Entwicklung Chinas als sozialistische Gesellschaft sicherstellen sollten. Insbesondere war das Ziel, die drei gesellschaftlichen Hauptwidersprüche zwischen Land und Stadt, Hand und Kopf[6] sowie Industrie und Landwirtschaft maßgeblich zu überwinden bzw. zu reduzieren.

Diese wirtschaftlichen Maßnahmen – zusammenfassend auch „der Große Sprung nach vorn“ genannt – waren äußerst umfangreich und in individuellen Kampagnen angelegt. Unter anderem war das Ziel einer dieser Kampagnen, die Neuordnung des alltäglichen Lebens in sogenannten Volkskommunen. In diesen sollte der Alltag zuhause und jener in der jeweiligen Arbeitsstätte allmählich zusammengeführt werden, so dass das Leben mehr und mehr kollektiv geführt wird.

Die Volkskommunen wichen in der Theorie, als auch in der Praxis von den soweit vorherrschenden, sowjetischen Ideen über den Weg zum kommunistischen Gesellschaft ab und sind als Folge dessen von seitens der Sowjetunion auch in entsprechender Weise kritisiert worden. So hatte im Dezember 1958 Chruschtschow die Volkskommunen als „reaktionär“ bezeichnet, sich in darauffolgenden Monaten noch etwas der Kritik enthalten, bis er im Juli 1959 endgültig, verbal auf die Volkskommunen einprügelte.[7]

Parallel zu der sowjet-revisionistischen Kritik an den Volkskommunen wurden jene in der DDR jedoch zunehmend gefeiert. So druckte das Organ des ZK der SED, Neues Deutschland, im Oktober 1959, drei Monate nach Chruschtschows endgütligem Bruch mit den Volkskommunen, einen die ganze Seite im A3-Format füllenden Bericht des stellvertretenden Ministerpräsidenten des Staatsrates der Volksrepublik China, Li Fu-Tschun (Li Fuchun), über den Großen Sprung nach vorn und die Volkskommunen:

„Mit der Bildung der Volkskommunen wurde das ursprünglich kollektive Eigentum an den Produktionsmitteln auf dem Lande erweitert und auf eine höhere Stufe gehoben; es begann einige Elemente von Eigentum des ganzen Volkes zu enthalten. Die Volkskommune bildet die Grundeinheit der sozialistischen sozialen Struktur unseres Landes; sie verbindet Industrie, Landwirtschaft, Handel, Kultur, Erziehung und Miliz; sie ist gleichzeitig die Grundeinheit der sozialistischen, politischen Machtorganisation in unserem Land. Die Volkskommune ist ihrem Charakter nach sozialistisch und dennoch im wesentlichen noch eine wirtschaftliche Organisation, die auf dem kollektiven Eigentum beruht. Gegenwärtig bildet sie ein System aus der Grundform des Eigentums, das der Produktionsbrigade übertragen ist und dem Teil des Eigentums, das den Kommunen übertragen ist. Bei der Verteilung führt sie das Prinzip „Jedem nach seiner Leistung" durch und den Handel auf der Grundlage des gleichen Wertes. Die Volkskommune ist eine der größten Errungenschaften des chinesischen Volkes. Die Bildung von Volkskommunen wird nicht nur die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte Chinas und das Tempo des sozialistischen Aufbaus in China beschleunigen, sondern sie ist auch eine gute Organisationsform und eine wertvolle Erfahrung für den zukünftigen Übergang vom Kollektiveigentum zum Eigentum des gesamten Volkes und von der sozialistischen Gesellschaft zur kommunistischen Gesellschaft auf dem Lande in China. Bis jetzt wurden nicht nur in allen ländlichen Gebieten unseres Landes (ausgenommen einige Gebiete, die von nationalen Minderheiten bewohnt werden) Volkskommunen eingerichtet; sondern sie haben sich auch gefestigt und schreiten auf dem, Wege einer gesunden Entwicklung vorwärts. Die Volkskommunen, diese „Morgensonne", die sich über den riesigen Horizont Ostasiens erhebt, strahlen in immer stärkerem Maße große Energie und starkes Licht aus.“ [8]

Auch Hermann Matern, führender Politiker der SED, lobte die Volkskommunen ausdrücklich in einer Rede 5 Tage nach der Veröffentlichung des ND-Artikels, während einer Reise nach China anlässlich des chinesischen Nationalfeiertages. In seiner Rede heißt es:

„Volkskommune – das heißt satt essen, ein besseres Leben für Millionen von Bauern.“[9]

Kandidat des ZK der SED Horst Sindermann fand noch enthusiastischere Worte für die Volkskommunen und war förmlich hingerissen von der ganzen Wirtschaftspolitik Chinas. In seinem Werk „Chinas großer Sprung“ spricht Sindermann von den vollends überwältigenden Dimensionen, mit denen China arbeitet. Er äußerte sich dabei wie folgt:

„Hier in China stimmen europäische Zahlen und Dimensionen nicht. Über 800 Millionen Bauern! Das erste Ergebnis der organisiert eingesetzten Arbeitskraft und der Konzentration der Produktionsmittel in den Volkskommunen ist die Rekordernte des Jahres 1958, in dem die Erträge verdoppelt wwerden konnten. Das war ein Sprung über Jahrhunderte.“[10]

* * *

Die grundsätzliche Übereinstimmung, oder gar Ekstase der SED in bezug auf die chinesischen Volkskommunen lässt sich teilweise auf die zeitgleiche Einführung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) mit den Volkskommunen zurückführen.[11] Ebenfalls war die Volkskommune ein „Alternativangebot“ der Kommunistischen Partei Chinas, die als Resultat, wenngleich indirekt, den absoluten Führungsanspruch der KPdSU bzw. der UdSSR in Frage stellte, der sich bis zu dem Zeitpunkt der Einführung der Volkskommunen als ungeschriebenes Gesetz in allen führenden Köpfen der sozialistischen Staaten aufhielt. Im weiteren Verlauf der sino-sowjetischen Beziehungen verschärfte sich der Konflikt speziell bezüglich der Politik der „friedlichen Koexistenz“, welche von den Chruschtschow-Revisionisten propagiert wurde. Jene sieht vor, dass sich das sozialistische Lager und das imperialistische Lager zwecks Kriegsprävention in gewissen Teilen annähern sollten (Der Imperialismus wäre keine inhärent kriegstreibende Kraft, sondern man könne mit ihm Frieden schließen). Außerhalb der Sowjetunion stoß diese Politik auf - vorsichtig ausgedrückt - gemischte Gefühle. Einerseits stürzten sich Berichterstatter – wie auch die bereits erwähnte Neues Deutschland – aus den sozialistischen Ländern auf die Resultate des XX. Parteitags der KPdSU und ließen das Prinzip der „friedlichen Koexistenz“ hochleben[12], andererseits führte diese Außenpolitik speziell der UdSSR zu Spannungen nicht nur mit China, sondern musste auch beispielsweise Kritik der kubanischen Revolutionäre Che Guevara und Fidel Castro einstecken. Che Guevara meinte zum Prinzip der „friedlichen Koexistenz“, die jüngsten Opfer des kontemporären Imperialismus aufzählend, in einer Ansprache vor einer UN-Versammlng in New York:

„Überall ... ist es doch der Imperialismus, der seine eigene Version ‚friedlicher Koexistenz‘ anzuwenden sucht.“[13]

Desweiteren zitierte er Fidel Castro in derselbigen Ansprache:

„Endet die Philosophie der Ausbeutung und dann wird auch die Philosophie des Krieges enden.“

Mit Abstand jedoch war der größte Kritiker der „friedlichen Koexistenz“ weiterhin die Volksrepublik China, trotz anfänglicher, oberflächlicher Akzeptanz. Der Streit über dieses Prinzip, als auch der revisionistischen Idee der „internationalen sozialistischen Arbeitsteilung“, die von der Chruschtschow-Clique vertreten und durchgeführt wurde, heizten den sino-sowjetischen Konflikt weiter an. Wenngleich sich die SED der sowjetisch geführten „friedlichen Koexistenz“ nicht abgewandt hatte, hegte sie weiterhin die Achse Berlin-Beijing.

Grundsätzlich jedoch war es das Thema der Volkskommunen, welches den absoluten Bruchpunkt des sozialistischen Lagers darstellte. Für alle Staaten des sozialistischen Lagers, war eine Stellungnahme zu diesem Konflikt notwendig; er stellte einen Prüfstein für alle sozialistischen Staaten und Parteien dar. Nichtsdestotrotz dauerte es allerdings ein ganzes Jahr, bis sich die SED unter massivem sowjetischen Druck beugte und allmählich die Volkskommunen in China zu kritisieren begann. Im Juni 1960 so dann wurde die erste Distanzierung zu den Volkskommunen von seitens der DDR vollzogen. In der Landwirtschaftsausstellung in Markkleeberg in der DDR war die Volksrepublik China mit einem Stand vertreten, bei welchem der Direktor jenes Standes, die Ansicht hatte, dass die LPGs in der DDR ein richtiger Schritt in Richtung Volkskommunen wären bzw, dass sich bedeutende Parallelen zwischen den Volkskommunen und den LPGs finden lassen. Diese Aussage war Anlass für die DDR-Führung – mit aller Wahrscheinlichkeit aus Angst davor, die sowjetischen Beziehungen entscheidend zu belasten – den chinesischen Botschafter in Ostberlin ins Außenministerium zu zitieren.[14] Kurz darauf verstrickte sich Walter Ulbricht, führender Kopf der SED, in eine „Diskussion“ während seiner Rede auf der Bukarester Konferenz der kommunistischen und Arbeiterparteien der sozialistischen Länder Mitte Juni 1960 mit Peng Zhen, in welcher Ulbricht, in äußerst beengter Manier und sich oft wiederholend, das Verhalten des Pavillonsdirektors kritisierte. Ulbricht fragt den chinesischen Delegierten mehr als nur einmal ironisch „“Was habt ihr jetzt [damit] erreicht?“, auf die „Provokation mit den Volkskommunen“ anspielend, in verschiedenen Abwandlungen und meinte, dass die SED „an einer offenen Front“ stünde und „solche Dinge nicht einen Tag erstragen [könne].“ oder auch, dass die SED verstehe, dass mit den Broschüren der KPCh, die zum 90. Geburtstag Lenins an SED-Kader gesendet wurden, „[nur] eine innere Disskusion provoziert [werden soll]“.

Es ist diese Rede Ulbrichts, die den Niedergang deutsch-chinesischer Beziehungen einläuten und die Seitenentscheidung der SED manifestieren soll.

Ab dieser Rede verschlechterten sich die Beziehungen beider Staaten rapide und es häuften sich nicht nur praktische Konflikte in der Zusammenarbeit. So zum Beispiel schildert die interne Diskussion über eine Fotoausstellung der Volksrepublik China in der DDR zwischen Xu Huan, Geschäftsträger der Botschaft der VR China in der DDR, und dem Leiter der Abteilung Außenpolitik und Internationale Verbindungen der SED, Peter Florin, nicht nur klar die plötzliche Opposition der SED gegenüber der VR China, sondern liefert sie auch Indizien sowjetischer Nötigung.

„Als zweite Frage wurde über die geplante Fotoausstellung der VR China in der DDR gesprochen. Gen. Florin erklärte dazu folgendes: Wir haben Sie heute hergebeten, um Ihnen unsere Meinung zur geplanten Fotoausstellung der VR China in der DDR darzulegen. Es gab bei den Vorbereitungsarbeiten zur Eröffnung der Ausstellung einige technische und organisatorische Schwierigkeiten, die die Eröffnung zunächst verzögerten. Inzwischen fand die Moskauer Beratung statt, in deren Lichte wir noch einiges zu ihrer Ausstellung sagen möchten. Die Ausstellung, die über die Erfolge des „großen Sprungs“ in den Jahren 1958/59 berichtet, erwähnt die Hilfe des sozialistischen Lagers und insbesondere die der Sowjetunion nicht ein einziges Mal. In einem erheblichen Teil der Ausstellung werden die Volkskommunen propagiert. Wie Ihnen bekannt ist, steht unsere Partei vor der Aufgabe, im Jahre 1961 die LPG weiter zu festigen und vor allem die genossenschaftliche Arbeit zu fördern und zu entwickeln. Dabei verfolgen wir konsequent den Grundgedanken, die Lenin in seinem Genossenschaftsplan dargelegt hat. Unsere Partei hat erklärt, dass wir in der DDR nicht den Weg der Volkskommunen gehen werden, wobei wir die Volkskommunen als eine innere Angelegenheit der VR China betrachten. Sie wissen, dass wir gerade auf dem Lande im Kampf um die Festigung der LPG bei unserer offenen Grenze zum westdeutschen Imperialismus alle Anstrengungen unternehmen müssen, um einerseits die Angriffe der Klassengegener zurückzuschlagen und andererseits alles in unserer Arbeit vermeiden müssen, was Unruhe unter unseren Bauern schafft. (...)
[Gen. Xu Huan]: Gen. Florin weiß sehr gut, dass wir die Kommunen niemals nach außen getragen haben und der Meinung waren, dass auch andere Länder sie schaffen sollen. Was die Frage in der DDR angelangt, so möchte ich keine Meinung äußern. Aber es gab eine Periode, wo die Presse der DDR und auch führende deutsche Genossen die Volkskommunen gelobt haben und die Meinung vertraten, dass sie eine chinesische Sache sind und der Lage in China entsprechen. (...) [Ende Xu Huan]
[Gen Florin]. erklärte, dass er nicht berechtigt ist, über theoretische Fragen der Volkskommunen zu sprechen, da das eine innere Angelegenheit der VR China ist. Wir sind der Meinung, dass die Propagierung der Volkskommunen bei uns schädliche Auswirkungen hat. Es ist nicht zweckmäßig, in einem anderen Lande etwas zu tun, was dort nichts nützt oder sogar schadet. (...) [Florin Ende]
[Gen. Xu Huan] erklärte daraufhin: Erstens ist das eine Frage der gegenseitigen Propagierung. Die Verhältnisse in unseren Ländern sind unterschiedlich, darum kann es auch keine einheitliche Propaganda geben. Unsere Länder sind sozialistische Länder, d.h. dass die Bevölkerung schon ein bestimmtes Niveau besitzt. Deshalb werden die Menschen nicht auf den Gedanken kommen, chinesische Sachen in der DDR anzuwenden. Deshalb sind wir nicht der Auffassung, dass die Propagierung der Volkskommunen schlechte Auswirkungen haben kann. Zweitens hat man von uns verlangt, dass wir das Wort Volkskommune aus unserer Ausstellung entfernen. Aber die Volkskommunen sind eine chinesische Realität. Dass so etwas passiert, ist für uns sehr unangenehm. Drittens: Früher wurden die Volkskommunen von führenden Genossen sehr gelobt, was nicht heißt, dass sie der Meinung waren, dass sie auch in der DDR angewandt werden sollen. Die Genossen haben auch gesagt, dass die Kommunen den chinesischen Verhältnissen entsprechen. Dass im Juli 1960 plötzlich eine Änderung eintritt, ist für uns unvorstellbar.
[Gen. Florin] erklärte: Wir haben es selbst erlebt, dass die Propagierung der Volkskommunen bei uns schädliche Ausiwkrungen hatte. Wir wollen, dass die Texte nicht die Arbeit unserer Partei erschweren. (...)“[15]

Das entschieden ausweichende Verhalten von Peter Florin in diesem Dialog scheint nun doch äußerst unnatürlich und mehr oder minder erzwungen.

Im Allgemeinen ist die überraschende Veränderung jener bilateralen Beziehungen, und damit auch verbunden der modus operandi der diplomatischen Missionen, aber nur allzu verständlich. Die SED erkannte den Führungsanspruch der UdSSR vollkommen an und es wäre politischer, wenn nicht nationaler Selbstmord, sich in einem so umfassenden Konflikt gegen die UdSSR zu stellen. Es finden sich aber, wie soweit in diesem Artikel präsentiert, viele Indizien dafür, dass zumindest große Teile der SED einem Beziehungsabbruch zur Volksrepublik China persönlich ablehnend gegenüber standen, es jedoch in dieser riskanten Situation keine andere Möglichkeit gab, als nachzugeben. Ein Bekenntnis zu „pur Lenin’schen“ Auffassungen[16] ist demnach der einzige Weg auch tatsächlich die Zukunft eines, nach Ansicht der SED, sozialistischen deutschen Staates zu gewährleisten. Es ist ebenfalls allerorts bekannt, dass die Sowjetunion ein vereintes, wenn auch kapitalistisches, dafür neutrales Deutschland vorgezogen hätte, als ein geteiltes, aber wiederum dafür teils sozialistisches. Dahingehend ist es durchaus realistisch anzunehmen, dass diese unter Stalin noch äußerst aktuelle Befürchtung, die UdSSR könnte die Deutschland zwangsvereinigen, angesichts des chinesisch-sowjetischen Bruchs wiederauflebte.

SCHLUSSFOLGERUNG

Die Beziehungen der DDR und China waren anfangs von klar unabhängigeren Linien geprägt. Die DDR sah in China ja sogar einen Partner mit welchem auf einer Linie verhandelt und gearbeitet werden konnte - ein Umstand der mit der UdSSR eher selten anzutreffen war. Auch wenn man nach der Gründung der beiden Staaten - DDR und VR China - diese nach Beziehungsunabhängigkeit strebende Linie der DDR vorfinden konnte, wurden diese Bestrebungen, wie gezeigt, relativ bald untergraben. Der UdSSR, plump gesagt, ging es alles in allem einfach zu weit. Da die SED politisch bzw. die DDR national vollkommen auf die UdSSR angewiesen war, ist es also auch möglich gewesen, vorherzusehen, dass ein solcher, in vielen Teilen pro-chinesischer Kurs in einer derartigen nationalen Situation nicht lange leben und eben spätestens mit einem sowjetisch-chinesischen Bruch zerbersten würde.


ABKÜRZUNGEN

DDR ... Deutsche Demokratische Republik

KPdSU ... Kommunistische Partei der Sowjetunion

ZK ... Zentralkomitee

LPG ... Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft

VR .. Volksrepublik

UdSSR ... Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (Sowjetunion)

UN ... Vereinte Nationen (United Nations)

KPCh ... Kommunistische Partei Chinas

ND ... Neues Deutschland (Printmedium)

SED ... Sozialistische Einheitspartei Deutschlands


  1. Der Posten des Generalsekretärs, den Stalin innehatte, blieb in den folgenden Jahren bis zur Machtübernahme Breschnews unbenutzt. Damit wurde der Posten des Ersten Sekretärs nunmehr der leitende. ↩︎

  2. Meißner, Werner (Hrsg.) Die DDR und China: Politik - Wirtschaft - Kultur. Eine Quellensammlung. Bearbeitung von Anja Feege. Berlin: Akademie Verlag, 1995, S. 64 ↩︎

  3. Ibid, S. 74f. ↩︎

  4. Machetzki, Rüdiger (Hrsg.) Deutsch-Chinesische Beziehungen. Ein Handbuch. Hamburg: Institut für Asienkunde, 1982, S. 145. ↩︎

  5. "Vorschlag der DDR zur Verständigung der beiden deutschen Staaten." Neues Deutschland, Nr. 16 (19. Jänner 1956): S. 1. ↩︎

  6. Also, intellektueller Arbeit und produktiver Arbeit. ↩︎

  7. Meißner, Werner (Hrsg.) Die DDR und China: Politik - Wirtschaft - Kultur. Eine Quellensammlung. Bearbeitung von Anja Feege. Berlin: Akademie Verlag, 1995, S. 102 ↩︎

  8. „Der 10. Jahrestag der Geburt des neuen China" Neues Deutschland, Nr. 270 (1. Oktober 1959): S. 4. ↩︎

  9. Meißner, Werner (Hrsg.) Die DDR und China: Politik - Wirtschaft - Kultur. Eine Quellensammlung. Bearbeitung von Anja Feege. Berlin: Akademie Verlag, 1995, S. 114 ↩︎

  10. Sindermann, Horst Chinas großer Sprung. Berlin: Dietz Verlag, 1959, S. 25 ↩︎

  11. Meißner, Werner (Hrsg.) Die DDR und China: Politik - Wirtschaft - Kultur. Eine Quellensammlung. Bearbeitung von Anja Feege. Berlin: Akademie Verlag, 1995, S. 103 ↩︎

  12. Neues Deutschland, Nr. 43 (19. Februar 1956): S. 1ff. ↩︎

  13. Guevara, Che. “At the United Nations”, Par. 18 (https://www.marxists.org/archive/guevara/1964/12/11.htm – zugegr. 28. September 2017) ↩︎

  14. Meißner, Werner (Hrsg.) Die DDR und China: Politik - Wirtschaft - Kultur. Eine Quellensammlung. Bearbeitung von Anja Feege. Berlin: Akademie Verlag, 1995, S. 103 ↩︎

  15. Ibid, S. 119ff. ↩︎

  16. Vgl. vorsichtige Äußerungsweisen wie „Dabei verfolgen wir konsequent den Grundgedanken, die Lenin in seinem Genossenschaftsplan dargelegt hat.“ ↩︎