Die vergessene Storoschewoj-Meuterei

Entgegen weit verbreiteten Auffassungen wurde das sozio-imperialistische Breschnew-Regime in der UdSSR, stehend in der Tradition Chruschtschows, nicht einfach so von der Mehrheit der sowjetischen Bevölkerung akzeptiert; vorallem nicht von der sowjetischen Arbeiterklasse. Die frühen 70er Jahre wurden gezeichnet von einem hohen Aufkommen revoltierender, sozialistischer Publikationen, Gedichten oder auch groß angelegten Streiks, welche wiederum in wahrlich revisionistischer Manier zerquetscht wurden.

In der vielerorts sehr bekannten, Moskauer Literaturanthologie Der Tag der Poesie ist ein ganzes Kapitel nur der Arbeit gewidmet. Bei diesem Kapitel wuden zahllose „Arbeiterpoeten“ eingeladen, um den Herausgebern ihre Schriften vorzustellen. Eins dieser Gedichte war betitelt: Ich fürchte, ohne Werk zu sein.[1]

„Ich fürchte ohne Werk zu sein —
Nicht zu wissen,
Wie Stoff zu schneiden oder zu nähen,
Das Heu zu staffeln,
Den Meißel handzuhaben,
Oder auch zu schmieden.
Nicht zu wissen, wie zu werken
Ist wie keine Seele zu besitzen.“

Wie der revolutionäre Schriftsteller Raymond Lotta bemerkt, dreht sich dieses Gedicht um das russische Verb umet‘ (уметь) – zu wissen wie [man etwas macht]. Der Autor des Gedichts bezieht sich auf das Mühsal und die extreme Entfremdung, welche die Arbeiter erfahren, wenn man unter den revisionistischen Doktrinen der „Professionalisation“ und des „Technokratizismus“, wie Lotta sie nennt, zu arbeiten hat. [2]
Viele weitere solcher Gedichte wurden speziell in dieser Zeit geschrieben, alle auch ähnliche Erfahrung der Entfremdung und Enttäschung unter den Arbeitern wiederspiegelnd. Solche literarischen Seufzer berichten uns äußerst viel über die Situation der Arbeiterklasse in der UdSSR zu jener Zeit. Ein weiterer dieser sowjetischen Bürger, der sich mit den politischen Entwicklungen der Chruschtschow-UdSSR absolut nicht identifizieren konnte, war der Kapitän 3. Ranges [3] und Politoffizier Walerij Sablin.
Walerij Sablin wurde in Leningrad im Jahre 1939 geboren und besuchte die Höhere Marineschule „M.W. Frunse“ ebenda. 1959 trat er der Kommunistischen Partei der Sowjetunion bei und schloss ein Jahr später sein Studium ab. Während seiner Studienzeit, wurde er zum Sekretär seines Fakultäts-Komsomolkomitees gewählt. Nach seinem Studium begann Sablin seinen Dienst in der sowjetischen Marine und wurde dort als aktiver und besinnter Kommunist bekannt. Nach einiger Zeit im Dienst wurde seine geplante Beförderung um fast ein Jahr verzögert, da er einen Brief an Chruschtschow sandte, in welchem er seine Meinung zu ideologischer Disziplin innerhalb der Partei darlegte und die politische Linie Chruschtschows rigoros kritisierte. Nur eine verzögerte Beförderung zu erfahren für eine solche „Missetat“ war ein äußerst niedriger Preis, wenn man bedenkt, dass vergleichliche Aktionen nicht selten mit schlimmeren Konsequenzen geahndet wurden; z.B. Ausschluss aus der Partei oder Karrieresabotage. Nichtsdestotrotz diente Sablin weitere 9 Jahre bevor er ein Studium an der Militärpolitischen Akademie „W.I. Lenin“ in Moskau anfing, wo er auch 4 Jahre später mit Auszeichnung graduierte.
Nach seinem Abschluss an der Militärpolitischen Akademie setzte er seinen Dienst bei der Marine auf dem nagelneuen Zerstörer Storoschewoj im August 1973 fort. Zu dieser Zeit hatten sich seine Ansichten zur ideologischen Degeneration in der KPdSU bereits verfestigt und er fing an über Möglichkeiten einer „zweiten Revolution“ nachzudenken, um die sowjetischen Völker vor der korrupten bürokratisch-kapitalistischen Führung die sich in den vergangenen Jahren mehr oder minder an die Staatsführung putschte, zu befreien und die Diktatur des Proletariats wiederzuerrichten. Er spielte mit der Idee, seine Position als Politoffizier – damit nur dem Kommandeur seines Schiffes unterstellt – auszunutzen und das Breschnew-Regime unter Druck zu setzen, indem er die Kontrolle über die Storoschewoj übernehme, sie als „Tribun“ verwende und, ähnlich der Rolle der Aurora, die den Start der Oktoberrevolution signalisierte, mit ihr das Zeichen für eben jene „zweite Revolution“ zu geben. Jedoch, nicht lange nachdem sich dieser Gedanke zu einem Plan zur Aktion konkretisierte, wurde Sablin gewzwungen, den Plan zu verschieben, da die nagelneue Sotorschewoj eben auch eine nagelneue Besatzung besaß, welche sich erst mit dem Schiff vertraut machen musste und somit andere Probleme zu lösen hatten, als sich mit der politischen Situation zu befassen. Im Jahre 1974 studierte Sablin zuerst einmal die gesamte Besatzung, um die Besatzung Stück für Stück mit seinen Ansichten zur sowjetischen Führung bekannt zu machen, wo er auch viele Sympathisanten und Gleichgesinnte fand. Es ist aber kein Geheimnis, dass eine Rede à la Lenin gegen die „Breschnewisten“ mit großem Risiko verbunden war, weshalb Sablin den richtigen Zeitpunkt zu seinen Besatzungsgenossen zu sprechen abwarten musste um, als Folge, den geplanten Aufstand zu starten.
Im Herbst 1975 wurde die Sotorschewoj nach Liepaja, einer kleinen Stadt in der ehemaligen Lettischen SSR, geschickt, um Reperaturen vorzunehmen. Zuvor jedoch war das Schiff für die Marineparade in Riga eingeteilt, um den 58. Jahrestag der Oktoberrevolution zu feier. Aufgrund dieser Festlichkeiten nahmen sich einige leitende Offiziere der Storoschewoj Urlaub und Sablin erkannte, dass dies der Moment war, auf den er gehofft hatte. Als nun die Storoschewoj in Riga, bereits nach der Parade, einlief, um eine Nacht hier zu verbringen, bevor man im Morgan nach Liepaja fahren sollte, entschied sich Sablin seinen Vorgesetzen, den Kommandeur, Anatoli Putolni, in ein Abteil in einem unteren Deck des Schiffes einzusperren. Mit dem nun handlungsunfähigen Kommandeur trommelte er 13 Offiziere und 13 Fähnriche (Praporschtschiki) zusammen, um sie über seine konkreten Pläne zu unterrichten: Die UdSSR hat Lenin’s Prinzipien verraten und begraben, weshalb sich, als Resultat, Bürokratie, Betrug und Nepotismus breitmachen konnten. Sie sollten nach Kronstadt segeln, um dort ein unabhängiges Territorium auszurufen, welches die sowjetische Staats- und Parteiführung dazu zwingen würde, sie im staatlichen Fernsehen auftreten zu lassen, um ihre Ansichten der Öffentlichkeit mitzuteilen. Zu diesem Zeitpunkt war Sablin bereits aus der Kommunistischen Partei ausgetreten.
Nachdem Sablins Pläne besprochen wurden, schlug er eine Abstimmung bezüglich des weiteren Vorgehens vor. Bei der Abstimmung waren 16 Offiziere und Fähriche dafür, 10 dagegen, welche im Anschluss auch sofort isoliert wurden, um die Durchführung des Plans nicht zu gefährden. Sablin versammelte im Anschluss den Rest der Besatzung der Storoschewoj, um sie über den Ausgang der Abstimmung und die mehrheitliche Zustimmung des Plans zu informieren und sie anrief, es den Offizieren und Fähnrichen gleichzutun. Die Mehrheit der Besatzung brach sogleich in Jubel aus, um ihre Unterstützung auszudrücken. Nachdem sich der Jubel gelegt hatte und jeder auf seine Posten zurückkehrte, gelang es bedauerlicherweise dem Kommandanten der Elektrikergruppe, Oberleutnant Firsow, welcher Sablins Pläne für Hochverrat hielt, sich von Bord zu schleichen, um Sablins Vorhaben den Offizieren eines in einem benachbarten Dock liegendes U-Bootes zu melden. Die Mannschaft des U-Bootes warnte unverzüglich den Generalstab, welcher die Warnung wiederum an die Staats- und Parteiführung weiterleitete, was der Storoschewoj den Überraschungsvorteil und bedeutende Zeit raubte, da es nicht ungewöhnlich gewesen wäre, wenn das Schiff morgen auslief, da es ja für Reperaturen in Liepaja vorgesehen war. Als die Anführer der Meuterei von Firsows Abwesenheit Wind bekommen hatten, realisierten sie sofort die immense Gefahr für ihr Unterfangen, liefen unverzüglich aus dem Rigaer Hafen und setzen Kurs auf Kronstadt. Dies hatte die Staats- und Parteiführung dazu veranlasst, umgehend die Baltikumflotte, 9 Schiffe der Grenzmarine und das 668. Marinebomberregiment zu mobilisieren, wobei letztere den Befehl hatten, das Schiff, falls nötig, zu versenken.
Das 668. Bomberregiment bombardierte die Storoschewoj und ein Dutzend Bootsmänner hatten in Panik den zuvor eingeschlossenen Kommandeur des Schiffes befreit, welcher daraufhin sofort auf die Brücke lief, seine Pistole zog und Sablin in die Füße schoss, um das Kommando wieder zu übernehmen. Sablin und seine Mitverschwörer wurden im Anschluss verhaftet. Ein sowjetisches Militärgericht verurteilte Walerij Sablin im Juli 1976 zum Tode durch den Strang, woraufhin er im August desselben Jahres exekutiert wurde, sowie mit ihm einer der größten revolutionären Bemühungen, eine revisionistische Führung zu entmachten und eine Diktatur des Proletariats wiederherzustellen.
Es ist von enormer Wichtigkeit, von solchen Versuchen eine tatsächliche Volksherrschaft wiederzuerrichten und gefäulte, reaktionäre „sozialistische“ Führungen zu stürzen, zu lernen. Ein Umstand, welcher von Revisionisten heute nur zu gerne verneint wird (wie man beispielsweise an China-Diskussionen erkennen kann), ist die Existenz und Kontinuität von Klassenkampf auch in sozialistischen Gesellschaften und damit sozialistischen (oder pseudo-sozialistischen) Ländern. Sablins Aktionen demonstrieren einmal mehr den Fakt, dass Klassenkampf ein entscheidendes Merkmal sozialistischer Gesellschaften ist und dort, wo solch korrupte und bourgeoisifizerte Machtzentren existieren, sich Klassenkampf in äußerst heftigen Formen entladen kann. Der 9. November 2017 erinnert an den 42. Jahrestag der Meuterei auf der Storoschewoj. An diesen Aufstand zu erinnern heißt, an die vielen Bemühungen ehrlicher, wahrer KommunistInnen zu erinnern, welche sich gegen korrupte Verwaltungen, Partei- oder Staatsführungen zur Wehr gesetzt haben, die dem Proletariat stetig alle Macht wieder entzogen haben, um dort für den Sozialismus zu kämpfen, wo er verraten wurde, wo das Fehlen von Disziplin oder auch praktische und theoretische Fehler zur Bestattung des Sozialismus geführt hatten und wo die Prinzipien des Kommunismus „von einer Philosophie der Rebellion und des bewussten Kämpfens für eine Zukunft zu einer Religion des status quo umgestaltet wurden.“[4]



  1. Lotta, Raymond in The Soviet Union: Socialist or Social-Imperialist? Part II, p. 37 f. ↩︎

  2. Ibid. ↩︎

  3. Ein Kapitän 3. Ranges entspricht einem Major. ↩︎

  4. Lotta, Raymond in The Soviet Union: Socialist or Social-Imperialist? Part II, p. 38 ↩︎